Die Hölle hat W-LAN

Noch nie war es so einfach, einander so schnell zum Ruhm oder Zerfall zu helfen. Ein einziger Kommentar kann jemanden durch den Tag tragen. Ein anderer kann ihn für Monate verfolgen. Wir leben in einer Welt, in der Zustimmung zur Währung geworden ist und Aufmerksamkeit den Status eines Propheten angenommen hat.

Dabei muss ich in letzter Zeit immer wieder an Jean-Paul Sartres Theaterstück Geschlossene Gesellschaft denken.

Darin finden sich drei Menschen in der Hölle wieder. Nicht die mit Lava, umringt von sadistischen Kreaturen, sondern einfach nur ein Raum. Sie lernen sich kennen, konfrontieren sich mit ihrem früheren Leben und sind trotz oder vielleicht auch wegen der gegenseitigen Verachtung völlig abhängig von der Meinung des jeweils anderen. Das Erschreckende daran ist nicht, dass sie eingesperrt sind. Irgendwann geht die Tür sogar auf. Sie könnten einfach gehen. Aber sie bleiben.

Sartres berühmtester Satz lautet: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Vielleicht müsste man ihn heute ergänzen:

Die Tür zur Hölle ist ein Bildschirm, durch den wir jederzeit ein- und austreten können.

Wir vergleichen uns mit Menschen, deren Leben wir nur in Ausschnitten kennen. Wir messen unseren Alltag an den Höhepunkten anderer, und dann reicht es nicht mehr, einfach nur zu leben. Man möchte ebenfalls gesehen werden. Also eröffnen wir Accounts, produzieren Inhalte, jagen Reichweite, hoffen auf den großen Durchbruch und erzählen uns, dass dort draußen das Glück wartet.

Social Media verkauft uns die Idee, dass Sichtbarkeit Existenz bedeutet.

Doch rechtfertigt das wirklich den Preis, den wir dafür bezahlen?

Man bezahlt schließlich nicht nur mit Zeit, sondern auch mit Privatsphäre. Mit stillen Momenten und Erinnerungen, die gar nicht erst entstehen dürfen, weil sie schon währenddessen zu Content werden.

Jeder Sonnenuntergang wird ein Bild. Jede Reise ein Reel. Jede Begegnung eine Story. Jeder Gedanke potenzieller Umsatz.

Irgendwann leben wir unser Leben nicht mehr. Wir verwalten nur noch seine Außenwirkung.

Wie weit das gehen kann, zeigte mir ein Video, das ich vor Kurzem gesehen habe. Eine Influencerin sah sich gezwungen, ihrem gesamten Gesicht einer Operation zu unterziehen, weil ihr Mann im Internet als attraktiver wahrgenommen wurde als sie.

Es schien vorher nie ein Thema in ihrer Beziehung zu sein. Ihre Zuschauer haben entschieden, dass es eins werden sollte.

Besonders tragisch ist, dass sich in ihren Augen eine Angst widerspiegelte, die ich kaum beschreiben kann. Die Angst, den Erwartungen einer Welt nicht mehr zu genügen, die morgen wahrscheinlich schon wieder jemand anders bewertet.

Vielleicht wird sie nach der Operation mehr Likes bekommen.

Vielleicht wird sie erfolgreicher sein.

Aber was sagt das über uns aus, wenn Menschen ihre Identität opfern, um der Meinung Fremder zu entsprechen?

Wir glauben, beobachtet zu werden. Also beginnen wir, eine Rolle zu spielen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Bis wir irgendwann nicht mehr wissen, wo der Mensch aufhört und die Figur beginnt.

Das ist meiner Ansicht nach die moderne Form von Sartres Hölle.

Die Tür steht offen.

Wir könnten das Handy jederzeit weglegen.

Und trotzdem bleiben wir.

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